Die Krönung ?

Die Krönung ?

Kaja Engel

Kaja Engel

22. April 2020

Verspielt nicht die Musik!

Die Kultur im Kulturland Deutschland droht zurzeit über den Jordan zu gehen. Es sind nicht nur kurzfristig Künstlerexistenzen ungesichert, sondern es droht ein langfristiger Schaden für den Kulturbetrieb, der noch gar nicht abzusehen ist.

Wir brauchen dringend eine Wertschätzungsdebatte!

Aber es bewegt sich etwas. In den letzten Tagen hat sich auf Initiative und unter Leitung von Tobias Wolff, dem Intendanten der Göttinger Händel-Festspiele, ein Zusammenschluss von 40 Musikfestivals aus ganz Deutschland gebildet, um die Gefahren der Corona-Krise für den Kulturbetrieb deutlich zu machen. Auch die Braunlager Maikonzerte sind dabei. Entstanden ist ein Positionspapier, das heute veröffentlicht wird mit dem Hashtag #verspieltnichtdiemusik

Unter diesem Link steht das Positionspapier zum Download bereit.

Positionspapier1

20. April 2020

Warum wir die Maikonzerte nicht verlegen

Diese Möglichkeit wurde uns in den letzten Wochen häufig vorgeschlagen. Tatsächlich scheint sie naheliegend und wir haben sie für uns sorgfältig geprüft. Die Ergebnisse unserer Prüfung haben uns zu dem Schluss gebracht, dass dies nur eine Scheinlösung ist:

Als erstes Gegenargument hören wir oft: „Dann wären es ja keine Maikonzerte mehr.“ Halb scherzhaft gemeint, enthält dies bei näherer Betrachtung unerwartetes Gewicht: Zwar ist der Zeitpunkt der Durchführung nicht in Stein gemeißelt und unser diesjähriges Programm ließe sich auch zu anderer Jahreszeit umsetzen. Aber der Zeitpunkt der Maikonzerte wurde seinerzeit mit Bedacht gewählt und in den Jahreskalender des Harzer Musiklebens eingefügt: Weitere Festivals und Veranstaltungen sind fortlaufend geplant und bei Verschiebungen würde es später zu Häufungen kommen.

Davon abgesehen: Wann kann man denn wieder Konzerte durchführen? Es zeichnet sich ab, dass uns das Thema Corona noch lange beschäftigen wird,

und wann wieder Konzerte möglich werden – das steht in den Sternen. Es sieht zurzeit so aus, als ob wir im Räderwerk unserer Gesellschaft so ziemlich die letzten sein werden, die wieder den Betrieb aufnehmen können.

Und wie steht es mit den Künstlern? Sie sind eine der großen Stärken der Maikonzerte; unsere Gruppe ist sorgfältig zusammengestellt und das Programm ist unter Vorgabe des Themas gemeinschaftlich zu Stande gekommen. Sivan Silver und Gil Garburg und ihre Schubert-Fantasie, Franziska Hölschers Biber-Sonate, Oliver Schnyders Liszt und so weiter – Das alles lässt sich nicht beliebig ersetzen durch Austausch einzelner Mitwirkender.
Aber die Künstler kommen aus vier verschiedenen Ländern, sie sind alle international engagiert und später wollen umso mehr Veranstalter ihre Konzerte durchführen. Das stellt uns vor Herausforderungen.

Nicht zu vergessen die Arbeit hinter den Kulissen. Sie geht weit über das Erstellen des Programms hinaus und ein großer Teil der Vorbereitungen ist bereits erledigt:
Offensichtlich ist dies im Marketing: Die Website ist erstellt, Plakate und Flyer sind gedruckt und bereit zur Verteilung, das Ticketing ist organisiert und die Pressekonferenz stand Anfang April bevor.
Reisepläne sind gemacht und Probenpläne, Hotelübernachtungen, Räumlichkeiten, Klaviere und Transporte organisiert und das Rahmenprogramm geplant. Und so weiter. Das alles müsste bei einer Verschiebung noch einmal gemacht werden, würde Arbeit und vor allem Kosten aufwerfen.

Vor diesem Hintergrund haben wir uns gegen eine Verschiebung entschieden. Was nicht heißt, dass wir nicht versuchen, dieselbe Künstlergruppe und dasselbe Programm noch einmal zusammen zu bekommen. Aber das wäre dann ein neues Festival.

15. April 2020

Ostern liegt hinter uns; vom Eise befreit sind Strom und Bäche allerdings noch nicht so ganz und das Hoffnungsglück grünt erst einmal nur spärlich.

Die Maikonzerte sind abgesagt und gestern wurden von offizieller Seite längerfristige Regelungen verkündet, die diesen Entschluss bestätigen. Und es sind nicht nur offizielle Regelungen, die uns zur Absage bewogen haben, sondern es ist schlicht ein Gebot der Vernunft.

Bis Ende Augst sind Großveranstaltungen verboten. Nun wären die Maikonzerte zwar gern eine Großveranstaltung, aber allein das Etikett „Kammermusik“ rechtfertigt vielleicht, dass sie aktuell noch nicht ganz diese Kategorie erreicht haben. Aber auch in unserer Größenordnung ist es nicht vernünftig, unter den gegenwärtigen Bedingungen eine Gruppe von Menschen in einem Raum zusammen zu setzen, die dazu noch großteils zur besonders gefährdeten Risikogruppe der Älteren gehört.Die Situation ist vielschichtig und unübersichtlich und die Entwicklung ist noch gar nicht zu Ende. Es gibt viele Seiten des Problems: Die künstlerische Seite, die praktische, die wirtschaftliche, die psychologische und nicht zuletzt die menschliche.

Die Letztgenannte soll zuerst besprochen werden, denn sie bietet zurzeit schöne und erfreuliche Begebenheiten. In den harten letzten Wochen haben wir vielfältige Gesten und Taten der Solidarität erfahren, die ein Klima von Zusammenhalt und Zuversicht geschaffen haben. Vielleicht liegt hierin die Chance, dass die ganze Misere doch irgendwie eine Kraft zum Guten entfaltet.

Ein ganz herzlicher Dank sei gesagt an:

• Herrn Dr. Röthele von der Firma Sympatec für Weitblick, Rückhalt und konstruktive Gedanken.
• Frau Dr. Schönermark und die Stiftung Niedersachsen sowie Frau Linke und den Regionalverband Harz für souveränen Rückhalt und konstruktive Lösungsversuche.
• Herrn Klinkhammer vom Hapimag Resort Braunlage und Herrn Eulderink-Cattarius vom relexa-hotel Harz-Wald Braunlage für tatkräftige Unterstützung und kameradschaftlichen Rückhalt.
• Herrn Bürgermeister Langer, Frau Hensel und Herrn Janßen für vielfältige Unterstützung durch Stadt, BTMG und Marketingbeirat Braunlage.
• Frau Pastorin Müller für die Gastfreundschaft in der Trinitatisgemeinde, die nun leider nur eingeschränkt gewährt werden kann und doch im Geiste weiter besteht.
• Die Künstler des Festivals, die selbst schwer betroffen sind und doch gemeinschaftlich und konstruktiv mit uns nach Wegen durch die Krise suchen.
• Last but not least: Vorstand und Mitglieder unseres Vereins, insbesondere Johannes Barner, Erika Hoffmann und Martina Peine, aber auch alle anderen Mitstreiter, die auch in schweren Zeiten an der Zukunft der Maikonzerte bauen.

2. April 2020

Nach wie vor ist keine Entspannung in Sicht. Weiterhin steigen die Fallzahlen; in Deutschland liegen sie heute bei über 81000; fast 1000 Menschen sind gestorben. Im Vergleich mit internationalen Brennpunkten wie Italien, Spanien oder den USA ist das sogar niedrig. Das öffentliche Leben ist weithin zum Erliegen gekommen und der Staat gewährt Notfallhilfen. Allerdings gibt es viele Detailunschärfen.

Inzwischen wird darüber nachgesonnen, wie der Alltag wieder in Gang gebracht werden kann; Lösungen oder auch nur Zeitfenster sind aber nicht in Sicht.

Es ist kaum zu vermuten, dass man Mitte Mai irgendjemandem empfehlen kann, sich in eine Konzertsituation zu begeben.

22. März 2020

Sonntag. Von Ruhe kann keine Rede sein, aber es wird stiller. Die Menschen halten sich zunehmend zurück und üben sich in Vernunft. Bundeskanzlerin und Ministerpräsidenten verständigen sich auf weitgehende Kontaktverbote und die Maßnahmen scheinen klug abgewogen.

Gleichzeitig steigen die Fallzahlen nach wie vor, aus Italien und Frankreich erreichen uns erschütternde Berichte und wir sind uns im Klaren darüber, dass es zurzeit Wichtigeres gibt als die Braunlager Maikonzerte.

Ihnen und uns allen wünschen wir morgen Zuversicht, Kraft und Gesundheit für den Wochenbeginn.

20. März 2020

Vor zwei Tagen hat Frau Merkel eine ernste Ansprache gehalten und allmählich kommt das Land zum Stillstand. Trotzdem gibt es immer noch zu viele Knalltüten auf Corona-Parties und es drohen Ausgangssperren.

Eine wirklich bemerkenswerte Rede kam aus einer anderen Ecke: Fußball-Bundestrainer Joachim Löw zeigte tiefe Einsichten. Schon heute scheint das wieder unterzugehen, daher hier das Video:

Der Fußball-Bundestrainer macht sich kluge Gedanken.

Die Franzosen haben auf Kriegsrhetorik umgeschwenkt und auch wir passen uns an: Die Einschläge kommen näher.

Alle Hotels im Landkreis Goslar sind bis Ende April geschlossen. Darüber hinaus werden keinerlei Prognosen abgegeben, was für uns nicht wirklich hilfreich ist.

Wir sehen die Fallzahlen schneller ansteigen und ehrlicher Weise müssen wir anerkennen, dass unsere Chancen sinken. Wir haben keine Vorstellung davon, wie es weitergeht, und es gibt starke Stimmen für eine Absage. Zum Glück steht ein Wochenende bevor und damit etwas Zeit zum Durchatmen.

18. März 2020

Das Leben hat die Notbremse gezogen. Corona liegt über der Welt, nicht wie eine Krone (Warum sagt eigentlich keiner etwas über diese Namensgebung?), eher wie eine riesige Glocke. Einerseits ist alles abgedämpft, andererseits baut sich Anspannung auf. Wo wird das hinführen?

Auch für die Braunlager Maikonzerte ist die Lage misslich. In zwei Monaten soll das Festival stattfinden; eine Gruppe internationaler Spitzenklasse-Musiker steht in den Startlöchern, um gemeinsam ein Wochenende im Harz mit hochkarätiger Kammermusik zu erfüllen. So der Plan.

Die Lage hat sich geändert und wir erkennen, dass wir nur ein kleines Pflänzchen sind in einer Gemengelage, die größer ist als wir. Trotzdem sind wir überzeugt vom Wert unseren Tuns, gerade in diesen Zeiten. So wollen wir versuchen, das Beste aus der Situation zu machen und darauf hinwirken, dass dieser ganze Schlamassel irgendwie doch noch eine Kraft zum Guten entfaltet.

Die letzten Tage und Wochen waren angefüllt mit Arbeit. Eigentlich stünde die Veröffentlichung unserer Planungen auf dem Programm und das Feilen an den Details. Jetzt ist alles anders und die Kernfragen lauten: Was können wir Mitte Mai umsetzen? Und was ist, wenn nicht? Nach ein paar Tagen haben wir erkannt, dass sich die Einschätzungen etwa im Halbtagesrhythmus ändern. Vielleicht müssen wir einfach abwarten.

Im Moment reichen alle Prognosen bis maximal Ende April und alle Prognostizierend*innen (?) verwahren sich gegen darüber hinaus gehende Festlegungen. Theoretisch ist die Hoffnung noch nicht ganz verloren, dass sich bis Mai die Lage beruhigt hat. Es kann aber auch alles ganz schlimm sein und die Welt hat (schon jetzt) sowieso ganz andere Sorgen als die Braunlager Maikonzerte. Wahrscheinlich wird die Wirklichkeit irgendwo dazwischen liegen.

Für uns ist das maximal unbefriedigend. Wir planen parallel mehrere Szenarien:
Plan A: Alles wie geplant
Plan C: Komplette Absage
Am interessantesten ist Plan B. Den verraten wir aber vorläufig noch nicht. Erst, wenn wir wissen, was wird.

Wie sind wir bis hierher gekommen? Ein Rückblick:

Bis vor zwei Wochen lief alles nach Plan. Im Herbst haben wir unser Programm und die Finanzen geplant. Wir haben die Musiker-Gruppe zusammengestellt, gemeinsam Stücke gesammelt und uns gemeinsam auf das Mai-Wochenende gefreut.

Erst allmählich dämmerte Corona am Horizont herauf und wurde erst einmal überhaupt nicht ernst genommen. Irgendwo im fernen China, in einem ganz fremden Land und sowieso ganz anders als hier. Aber allmählich wurde die Sache größer.

Es war Donnerstag, der 5. März, als mich Dr. Röthele anrief. Als Mitgesellschafter der Firma Sympatec, vor allem aber als kunstsinniger Mensch einer der großen Förderer der Braunlager Maikonzerte weit über das rein Materielle hinaus. Im Pulverhaus, dem hoch modernen Firmensitz, findet eines unserer Konzerte statt. Die Firma Sympatec stellt etwas so Unglaubliches her wie Partikelanalysegeräte und ist auf ihrem Sektor einer der Weltmarktführer. Was dazu führt, dass sie eine Niederlassung in China hat.

Ob ich mir schon Gedanken über die Sache mit Corona gemacht hätte, fragte mich Dr. Röthele. Nein, sagte ich und fragte, ob er das für nötig hielte? Ja, sagte er, vor dem Hintergrund seiner Erfahrungen in China gehe er davon aus, dass die Sache nicht nur schlimm würde sondern richtig schlimm. Und bei aller Sympathie für die Maikonzerte liege ihm doch auch der Betrieb seiner Firma am Herzen. Was mir einleuchtet, zumal der Erfolg der Firma in direktem Zusammenhang mit der Unterstützung der Maikonzerte steht. So verspreche ich, mir Gedanken zu machen.

Einen Tag später rufe ich die ersten Künstler an und einige der anderen Förderer und frage, ob sie sich schon Gedanken gemacht hätten. Niemand hat das. Unser Pianist Gil Garburg war als Israeli, der in Berlin lebt, noch zu Familienbesuch und Parlamentswahlen nach Israel gereist und wir alle finden es übertrieben, dass Israel nun die Grenzen für Deutsche und Reisende aus einigen anderen Ländern schließt.

In der folgenden Woche beginnen sich die Ereignisse zu überschlagen. Am Dienstag, 10. März, positioniert sich die Stiftung Niedersachsen und beschließt, ihre Förderungen auch bei Ausfall von Veranstaltungen auszuzahlen, natürlich anteilig und nach bestimmten Maßgaben. Eine große Sicherheit für kleine Veranstalter wie uns. Der Landkreis Goslar untersagt sämtliche öffentlichen Veranstaltungen bis zum 18. April. Mit unserem Termin Mitte Mai hilft uns das allerdings wenig.

Für die Künstler wird die Bedrohung auf einmal existentiell. Zwar sind unsere Musiker sonst gut im Geschäft, aber jetzt brechen alle Konzerte gleichzeitig weg und wer nicht über eine Professur abgesichert ist, muss zumindest erhebliche Einbußen hinnehmen und auf Rücklagen zurückgreifen. Auch die Ankündigungen, die Konzerte würden nachgeholt, bieten nur mäßigen Trost, denn schließlich können dann andere Konzerte nicht gespielt werden. Und auch Kredite müssen früher oder später zurückgezahlt werden.

Aber auch für die Maikonzerte ist die Lage bedrohlich. Als kleiner Veranstalter werden sie maßgeblich von Idealismus und Begeisterung getragen und wenn dann das jährliche Festival wegfällt, läuft aller Einsatz ins Leere. Von der finanziellen Situation gar nicht zu reden…

Wir alle wollen die Maikonzerte durchführen, aber wir müssen uns mit der realistischen Möglichkeit auseinandersetzen, dass dies unmöglich sein könnte. Keiner von uns ist bisher in einer ähnlichen Lage gewesen und wir hoffen auch, dass sie sich nicht wiederholen möge. Aber jetzt müssen wir reagieren und gerade in dieser bedrückten Lage entfaltet sich Kreativität. Und Mut. Franziska Hölscher und Gil Garburg haben Zeit gewonnen und sind voller Tatendrang und gemeinsam suchen wir nach einem gangbaren Weg, um der Krise wenigstens etwas Positives abzuringen. Alle Künstler zeigen sich offen und flexibel und nicht nur Dr. Röthele stärkt uns den Rücken, sondern wir erfahren Zuspruch von vielen Seiten.

Noch haben wir die Hoffnung nicht aufgegeben, dass es bis zum 18. April doch nicht so viele Erkrankte gibt wie befürchtet, dass die Krankenhäuser sich auf die Situation eingestellt haben und alle wieder aufatmen können. Aber es wird schwerer, die Hoffnung aufrecht zu erhalten und die Szenarien von Hamsterkäufen und Corona-Parties wecken Zweifel an der Belastbarkeit unserer Mitmenschen.

Ein weiteres Wochenende vergeht und obwohl wir glauben, nun seien alle Steigerungsmöglichkeiten ausgeschöpft, werden doch immer weitere Einschränkungen verhängt. Ein Schock für uns persönlich, dass Dänemark die Grenze schließt. In Kiel lebend, haben wir diese Grenze kaum noch als solche wahrgenommen.

Am Montag, 16. März, erreichen mich überraschte Anrufe aus dem Harz. Die Goslarsche Zeitung hat einen großen Artikel über uns veröffentlicht, in dem sie freudestrahlend die Maikonzerte ankündigt; einen Artikel, den wir unter normalen Umständen sehr schön gefunden hätten, der aber natürlich in der gegenwärtigen Situation völlig unangemessen erscheint. Nicht mit uns abgestimmt und ohne jede Berücksichtigung der Stellungnahme, die seit dem 12. März auf unserer Website steht ……..

Die Fallzahlen steigen, das öffentliche Leben wird immer mehr eingeschränkt, Schleswig-Holstein riegelt die Inseln ab und sperrt auch sonst Touristen aus und am Dienstag, 17. März, erfahren wir, dass im Harz alle Hotels bis zum 30. April geschlossen werden.

Von jetzt an werden weitere Einträge oben auf der Seite eingefügt. Hoffentlich wird alles gut.