Die Krönung ?

Die Krönung ?

Kaja Engel

Kaja Engel

22. März 2020

Sonntag. Von Ruhe kann keine Rede sein, aber es wird stiller. Die Menschen halten sich zunehmend zurück und üben sich in Vernunft. Bundeskanzlerin und Ministerpräsidenten verständigen sich auf weitgehende Kontaktverbote und die Maßnahmen scheinen klug abgewogen.

Gleichzeitig steigen die Fallzahlen nach wie vor, aus Italien und Frankreich erreichen uns erschütternde Berichte und wir sind uns im Klaren darüber, dass es zurzeit Wichtigeres gibt als die Braunlager Maikonzerte.

Ihnen und uns allen wünschen wir morgen Zuversicht, Kraft und Gesundheit für den Wochenbeginn.

20. März 2020

Vor zwei Tagen hat Frau Merkel eine ernste Ansprache gehalten und allmählich kommt das Land zum Stillstand. Trotzdem gibt es immer noch zu viele Knalltüten auf Corona-Parties und es drohen Ausgangssperren.

Eine wirklich bemerkenswerte Rede kam aus einer anderen Ecke: Fußball-Bundestrainer Joachim Löw zeigte tiefe Einsichten. Schon heute scheint das wieder unterzugehen, daher hier das Video:

Der Fußball-Bundestrainer macht sich kluge Gedanken.

Die Franzosen haben auf Kriegsrhetorik umgeschwenkt und auch wir passen uns an: Die Einschläge kommen näher.

Alle Hotels im Landkreis Goslar sind bis Ende April geschlossen. Darüber hinaus werden keinerlei Prognosen abgegeben, was für uns nicht wirklich hilfreich ist.

Wir sehen die Fallzahlen schneller ansteigen und ehrlicher Weise müssen wir anerkennen, dass unsere Chancen sinken. Wir haben keine Vorstellung davon, wie es weitergeht, und es gibt starke Stimmen für eine Absage. Zum Glück steht ein Wochenende bevor und damit etwas Zeit zum Durchatmen.

18. März 2020

Das Leben hat die Notbremse gezogen. Corona liegt über der Welt, nicht wie eine Krone (Warum sagt eigentlich keiner etwas über diese Namensgebung?), eher wie eine riesige Glocke. Einerseits ist alles abgedämpft, andererseits baut sich Anspannung auf. Wo wird das hinführen?

Auch für die Braunlager Maikonzerte ist die Lage misslich. In zwei Monaten soll das Festival stattfinden; eine Gruppe internationaler Spitzenklasse-Musiker steht in den Startlöchern, um gemeinsam ein Wochenende im Harz mit hochkarätiger Kammermusik zu erfüllen. So der Plan.

Die Lage hat sich geändert und wir erkennen, dass wir nur ein kleines Pflänzchen sind in einer Gemengelage, die größer ist als wir. Trotzdem sind wir überzeugt vom Wert unseren Tuns, gerade in diesen Zeiten. So wollen wir versuchen, das Beste aus der Situation zu machen und darauf hinwirken, dass dieser ganze Schlamassel irgendwie doch noch eine Kraft zum Guten entfaltet.

Die letzten Tage und Wochen waren angefüllt mit Arbeit. Eigentlich stünde die Veröffentlichung unserer Planungen auf dem Programm und das Feilen an den Details. Jetzt ist alles anders und die Kernfragen lauten: Was können wir Mitte Mai umsetzen? Und was ist, wenn nicht? Nach ein paar Tagen haben wir erkannt, dass sich die Einschätzungen etwa im Halbtagesrhythmus ändern. Vielleicht müssen wir einfach abwarten.

Im Moment reichen alle Prognosen bis maximal Ende April und alle Prognostizierend*innen (?) verwahren sich gegen darüber hinaus gehende Festlegungen. Theoretisch ist die Hoffnung noch nicht ganz verloren, dass sich bis Mai die Lage beruhigt hat. Es kann aber auch alles ganz schlimm sein und die Welt hat (schon jetzt) sowieso ganz andere Sorgen als die Braunlager Maikonzerte. Wahrscheinlich wird die Wirklichkeit irgendwo dazwischen liegen.

Für uns ist das maximal unbefriedigend. Wir planen parallel mehrere Szenarien:
Plan A: Alles wie geplant
Plan C: Komplette Absage
Am interessantesten ist Plan B. Den verraten wir aber vorläufig noch nicht. Erst, wenn wir wissen, was wird.

Wie sind wir bis hierher gekommen? Ein Rückblick:

Bis vor zwei Wochen lief alles nach Plan. Im Herbst haben wir unser Programm und die Finanzen geplant. Wir haben die Musiker-Gruppe zusammengestellt, gemeinsam Stücke gesammelt und uns gemeinsam auf das Mai-Wochenende gefreut.

Erst allmählich dämmerte Corona am Horizont herauf und wurde erst einmal überhaupt nicht ernst genommen. Irgendwo im fernen China, in einem ganz fremden Land und sowieso ganz anders als hier. Aber allmählich wurde die Sache größer.

Es war Donnerstag, der 5. März, als mich Dr. Röthele anrief. Als Mitgesellschafter der Firma Sympatec, vor allem aber als kunstsinniger Mensch einer der großen Förderer der Braunlager Maikonzerte weit über das rein Materielle hinaus. Im Pulverhaus, dem hoch modernen Firmensitz, findet eines unserer Konzerte statt. Die Firma Sympatec stellt etwas so Unglaubliches her wie Partikelanalysegeräte und ist auf ihrem Sektor einer der Weltmarktführer. Was dazu führt, dass sie eine Niederlassung in China hat.

Ob ich mir schon Gedanken über die Sache mit Corona gemacht hätte, fragte mich Dr. Röthele. Nein, sagte ich und fragte, ob er das für nötig hielte? Ja, sagte er, vor dem Hintergrund seiner Erfahrungen in China gehe er davon aus, dass die Sache nicht nur schlimm würde sondern richtig schlimm. Und bei aller Sympathie für die Maikonzerte liege ihm doch auch der Betrieb seiner Firma am Herzen. Was mir einleuchtet, zumal der Erfolg der Firma in direktem Zusammenhang mit der Unterstützung der Maikonzerte steht. So verspreche ich, mir Gedanken zu machen.

Einen Tag später rufe ich die ersten Künstler an und einige der anderen Förderer und frage, ob sie sich schon Gedanken gemacht hätten. Niemand hat das. Unser Pianist Gil Garburg war als Israeli, der in Berlin lebt, noch zu Familienbesuch und Parlamentswahlen nach Israel gereist und wir alle finden es übertrieben, dass Israel nun die Grenzen für Deutsche und Reisende aus einigen anderen Ländern schließt.

In der folgenden Woche beginnen sich die Ereignisse zu überschlagen. Am Dienstag, 10. März, positioniert sich die Stiftung Niedersachsen und beschließt, ihre Förderungen auch bei Ausfall von Veranstaltungen auszuzahlen, natürlich anteilig und nach bestimmten Maßgaben. Eine große Sicherheit für kleine Veranstalter wie uns. Der Landkreis Goslar untersagt sämtliche öffentlichen Veranstaltungen bis zum 18. April. Mit unserem Termin Mitte Mai hilft uns das allerdings wenig.

Für die Künstler wird die Bedrohung auf einmal existentiell. Zwar sind unsere Musiker sonst gut im Geschäft, aber jetzt brechen alle Konzerte gleichzeitig weg und wer nicht über eine Professur abgesichert ist, muss zumindest erhebliche Einbußen hinnehmen und auf Rücklagen zurückgreifen. Auch die Ankündigungen, die Konzerte würden nachgeholt, bieten nur mäßigen Trost, denn schließlich können dann andere Konzerte nicht gespielt werden. Und auch Kredite müssen früher oder später zurückgezahlt werden.

Aber auch für die Maikonzerte ist die Lage bedrohlich. Als kleiner Veranstalter werden sie maßgeblich von Idealismus und Begeisterung getragen und wenn dann das jährliche Festival wegfällt, läuft aller Einsatz ins Leere. Von der finanziellen Situation gar nicht zu reden…

Wir alle wollen die Maikonzerte durchführen, aber wir müssen uns mit der realistischen Möglichkeit auseinandersetzen, dass dies unmöglich sein könnte. Keiner von uns ist bisher in einer ähnlichen Lage gewesen und wir hoffen auch, dass sie sich nicht wiederholen möge. Aber jetzt müssen wir reagieren und gerade in dieser bedrückten Lage entfaltet sich Kreativität. Und Mut. Franziska Hölscher und Gil Garburg haben Zeit gewonnen und sind voller Tatendrang und gemeinsam suchen wir nach einem gangbaren Weg, um der Krise wenigstens etwas Positives abzuringen. Alle Künstler zeigen sich offen und flexibel und nicht nur Dr. Röthele stärkt uns den Rücken, sondern wir erfahren Zuspruch von vielen Seiten.

Noch haben wir die Hoffnung nicht aufgegeben, dass es bis zum 18. April doch nicht so viele Erkrankte gibt wie befürchtet, dass die Krankenhäuser sich auf die Situation eingestellt haben und alle wieder aufatmen können. Aber es wird schwerer, die Hoffnung aufrecht zu erhalten und die Szenarien von Hamsterkäufen und Corona-Parties wecken Zweifel an der Belastbarkeit unserer Mitmenschen.

Ein weiteres Wochenende vergeht und obwohl wir glauben, nun seien alle Steigerungsmöglichkeiten ausgeschöpft, werden doch immer weitere Einschränkungen verhängt. Ein Schock für uns persönlich, dass Dänemark die Grenze schließt. In Kiel lebend, haben wir diese Grenze kaum noch als solche wahrgenommen.

Am Montag, 16. März, erreichen mich überraschte Anrufe aus dem Harz. Die Goslarsche Zeitung hat einen großen Artikel über uns veröffentlicht, in dem sie freudestrahlend die Maikonzerte ankündigt; einen Artikel, den wir unter normalen Umständen sehr schön gefunden hätten, der aber natürlich in der gegenwärtigen Situation völlig unangemessen erscheint. Nicht mit uns abgestimmt und ohne jede Berücksichtigung der Stellungnahme, die seit dem 12. März auf unserer Website steht ……..

Die Fallzahlen steigen, das öffentliche Leben wird immer mehr eingeschränkt, Schleswig-Holstein riegelt die Inseln ab und sperrt auch sonst Touristen aus und am Dienstag, 17. März, erfahren wir, dass im Harz alle Hotels bis zum 30. April geschlossen werden.

Von jetzt an werden weitere Einträge oben auf der Seite eingefügt. Hoffentlich wird alles gut.